Haiti: Was kann uns noch erschüttern?
Von Mathias Priebe | 18. Januar 2010 | Kategorie: Medien | Keine Kommentare »Das Erdbeben in Haiti und seine Folgen rücken erst nach und nach in unser Bewusstsein. Warum ist das so? Welche Rolle spielen die Medien? So langsam wie die Hilfe in Gang kommt, so schleppend erreichen uns auch die Bilder der Katastrophe. Die Meldungen der ersten 48 Stunden sprechen von einem schweren Erdbeben mit einigen hundert Toten und Verletzten. Die Superlative bleiben zunächst aus. Inzwischen runden wir auf hunderttausend auf. Aus einem der ärmsten Länder der Welt kommt zu Beginn nur wenig authentisches, journalistisch verwertbares Material. Keine wackeligen Handy-Videos von Augenzeugen – schon gar nicht von deutschen Urlaubern – auch keine professionellen Bilder aus Haiti. Die Meldungen bleiben zunächst widersprüchlich.
Systemversagen der Massenmedien
Dass das ganze Land in Schutt liegt und die Zahl der Opfer jede Vorstellungskraft übersteigt, dämmert uns erst nach und nach. Nach meiner Einschätzung leisten die klassischen Massenmedien eine ihrer wichtigsten Aufgaben längst nicht mehr: eine objektive Einordnung von Tatsachen und daraus resultierende Orientierung für die Empfänger. Stattdessen verschieben die Medien den Fokus schnell auf Plünderung und Gewalt, die leider nur menschlich sind in der Katastrophe. Es passt in unser Stigma von einem chaotischen, brutalen Leben in Haiti. Wir erfahren, dass die Hilfe nur schleppend anläuft und übersehen, dass logistische Schwierigkeiten normal sind. Wir erfahren wenig über die Solidarität und Hilfsbereitschaft, der Menschen, die ganz sicher genau so groß ist wie beim Tsunami in Thailand oder beim Erdbeben in Kobe usw. Stattdessen werden Opferzahlen in Hunderttausenderschritten gerundet.
Der Ausweg aus dem Dilemma ist Ehrlichkeit
Warum trauen sich unsere Nachrichtenredakteure nicht zu sagen, was Fakt ist: Wir wissen es nicht. “Guten Abend meine Damen und Herren, noch immer wissen wir nicht, wie groß das Ausmaß der Katastrophe wirklich ist.” Was spricht gegen eine ehrliche Ansage wie diese? Wer sich wie ich intensiv mit der Rolle der Medien in der Krisenkommunikation beschäftigt, wird meine Einschätzung teilen: Wir erleben ein Systemversagen der Massenkommunikation. Nicht erst seit Haiti.



